Incubus Leben in einer Welt von Superkraft-Nutzern
Chapter 301: Interpretiert als Vor-Riss-Klasse — Entitätstyp: Ungebundene Leere-Signatur.
CHAPTER 301: INTERPRETIERT ALS VOR-RISS-KLASSE — ENTITÄTSTYP: UNGEBUNDENE LEERE-SIGNATUR.
Die Tür schloss sich hinter der letzten Person mit einem leisen Zischen und hüllte den Raum in Stille. Nur das leise Summen der Deckenbeleuchtung blieb, zusammen mit dem schwachen Ticken eines Anzeigefelds, das an der gegenüberliegenden Wand noch im Standby-Modus blinkte.
Seras Bruder sagte nichts.
Er setzte sich auch nicht hin.
Er stand einfach einen langen Moment da, das Tablet noch in seiner Hand ruhend, sein Daumen strich gedankenverloren über den Rand.
Es waren keine Nerven. Es war das Gewicht von etwas Schwerem, das sich endlich niederließ. Nicht auf seinen Schultern – sondern in seinem Blut.
Die Assistentin blieb nahe der Tür stehen, ruhig, bewegungslos. Sie veränderte weder ihre Haltung noch fragte sie, was als Nächstes käme.
Sie hatte ihn schon ein paar Mal so gesehen, wenn eine Situation ernst genug wurde, um ihn vollständig aus der öffentlichen Kette zu ziehen und in das zu bringen, was hinter dem polierten Glas und den Komiteelächeln der Assoziation lag.
Aber heute Abend war es anders.
Diesmal war er nicht wütend oder angespannt. Er sah einfach nur... konzentriert aus. Auf diese beunruhigende Art, wie Menschen es tun, wenn sie bereits eine Entscheidung getroffen haben und nur noch auf den Teil zugehen, bei dem andere aufholen müssen.
Er stieß einen Atemzug aus. Leise. Gemessen.
Dann drehte er sich – nicht zum Fenster, sondern zur gegenüberliegenden Wand. Die, die aussah, als wäre sie seit Jahren nicht berührt worden.
Nur glatte Paneele, die Art, die nichts ankündigte, als würde sie versuchen, unsichtbar zu sein.
Er ging darauf zu und drückte seine Handfläche flach gegen die Mitte.
Zunächst geschah nichts.
Dann ertönte ein einzelner, tiefer Ton – tief und gleichmäßig. Die Basis der Wand leuchtete auf, nur leicht, genug um eine schwache vertikale Linie zu zeigen, die sich von oben nach unten bildete.
Die Naht öffnete sich, langsam und bedächtig. Nicht wie eine Tür. Nicht wie ein Tresor.
Wie etwas Älteres.
Etwas, das absichtlich versteckt wurde.
Hinter der Wand befand sich ein schmales Modul – matt grau, unmarkiert bis auf eine kleine ovale Vertiefung daneben.
Etwa von der Größe eines Daumenabdrucks. Das Schimmern auf seiner Oberfläche war kein Hightech-Glanz.
Es war ein altmodisches Sicherheitsgewebe – geschichtet und körnig, die Art, die sie nicht mehr verwendeten, seit satellitengestützte Systeme ins Spiel kamen.
Er drückte seinen Daumen hinein.
Diesmal war das Geräusch noch leiser. Aber die Wand reagierte.
Ein Bildschirm erwachte zum Leben – kein schwebendes Hologramm. Keine Projektion.
Nur ein in die Wand selbst eingebautes Panel – eingebettete Technik aus Jahrzehnten zuvor, vielleicht mehr. Dies war nichts, worauf man zugriff, es sei denn, man wusste bereits, dass es existierte.
Er zögerte nicht.
Seine Finger bewegten sich über die Schnittstelle, langsam aber sicher, als hätte sich das Layout seit Jahren nicht verändert – und es war auch nicht nötig gewesen. Es war Muskelgedächtnis. Er las nichts. Er erinnerte sich.
Er gab drei Zeichen ein. Keine Buchstaben. Keine Zahlen. Glyphen.
Formen.
Symbole aus einem Logiksystem, das nicht zur modernen Struktur passte – etwas, das durch Blut weitergegeben wurde, nicht durch Training.
Die Wand schimmerte.
Eine Welle lief über die Oberfläche.
Dann öffnete sich das Archiv.
Er verschob sich leicht, damit die Assistentin das Display sehen konnte, wenn sie wollte, obwohl er nicht erwartete, dass sie nach vorne trat. Dies war kein Moment für Gespräche.
Das Archiv war nicht dramatisch. Es gab keine Geräusche oder Bilder. Es waren nur Zeile um Zeile von Einträgen, einige blinkend, die meisten gedämpft.
Die meisten waren als veraltet gekennzeichnet, andere als versiegelt, und einige waren selbst innerhalb des Systems noch geschwärzt.
Er scrollte.
Und dann hielt er an.
Eine Zeile war nicht wie die anderen.
Sie blinkte – nicht mit Dringlichkeit, sondern mit Instabilität. Es gab keine Dateigröße. Kein Ursprungs-Tag. Kein Dialekt oder Autor angehängt. Nur eine Zeile, die lose in modernen Code übersetzt wurde:
Interpretiert als Vor-Riss-Klasse — Entitätstyp: Ungebundene Leere-Signatur.
Keine Metadaten. Kein Zeitstempel. Kein Kontext.
Nur eine Glyphe.
Ein seltsames, gezacktes Symbol. Asymmetrisch. Falsch in der Form, als wäre es mit Händen gezeichnet worden, die keine Symmetrie kannten oder sich nicht um menschliche Augen kümmerten.
Er tippte darauf.
Das Panel vibrierte. Nicht in Lautstärke, sondern in Druck. Ein leises Summen rollte durch die Wand und in die Knochen.
Dann verschob sich der Bildschirm.
Eine Datei öffnete sich – kein Dokument, sondern eine Sammlung von fragmentierten Datenfragmenten: uralte Energiescans, Mimik-Codes, überlappende Gedächtnislesungen, alle beschädigt und so dicht geschichtet, dass sie keinen unmittelbaren Sinn ergaben, außer einer Sache.
Eine Notiz.
Kurz.
Direkt.
Er las sie laut vor, nicht weil sie es hören musste, sondern weil er es sagen musste.
"Subjekt nicht an diesen Zyklus gebunden. Erinnerung beschädigt. Realitätsschema falsch ausgerichtet. Verhalten deutet auf Nicht-Erkennung aktualisierter metaphysischer Gesetze hin."
Der Atem der Assistentin stockte. "Es... weiß nicht, wo es ist?"
Er antwortete nicht. Nicht sofort. Seine Augen blieben auf die letzten Zeilen der Notiz fixiert.
"Potenzielle Bedrohung nicht durch Absicht, sondern durch Missverständnis. Subjekt behält Vor-Fall-Orientierung bei.
Mit Vorsicht behandeln. Eliminierung nur als letztes Mittel. Bildung vor Gewalt. Eindämmung vor Kontakt."
Er lehnte sich leicht zurück.
Ließ die Worte dort stehen.
Dann schloss er die Datei.
Das Archiv wurde dunkel, aber die Luft entspannte sich nicht. Es fühlte sich an, als wäre etwas freigelassen worden – wenn auch nur leicht. Etwas Unausgesprochenes, aber sehr Altes.
Die Assistentin trat vor. Nur ein wenig.
"Sir... glauben Sie, dieses Ding ist menschlich?"
Er sah sie an, die Augen verengten sich nicht aus Urteil, sondern aus Nachdenken.
Dann, einfach: "Was auch immer es ist, es bewegt sich, als würde es sich nicht darum kümmern, wer diese Welt gebaut hat. Das bedeutet, es sieht keine Seiten. Es sieht keine Fraktionen. Es sieht uns nicht."
Er wischte über das Panel.
Die Wand begann sich zu schließen.
Nahtlos. Leise. Ausgelöscht.
Er wartete nicht, bis sie fertig war, bevor er sich wieder zum Tisch drehte.
Er griff in seine Jacke, die jetzt locker über einem der Stühle hing, und zog ein kleines mattschwarzes Gerät heraus – kaum größer als seine Handfläche. Keine Logos. Keine Schnittstelle.
Er drückte einen Finger gegen eine Seite.
Es klickte auf.
Keine Lichter. Kein Ton.
Aber eine Verbindung entstand.
Und er sprach hinein, die Stimme leise und gleichmäßig.
"Autorisierung: Valcrest interner Charta. Zielklassifizierung – Vor-Riss-Anomalie. Anfordern von Schatten-Level-Protokoll. Nur Beobachtungs- und Vorbereitungsphase. Kein direkter Kontakt. Keine öffentliche Spur."
Eine Pause.
Dann kam eine Stimme durch – flach, gefiltert, unverkennbar unmenschlich im Ton.
"Befehl erhalten. Ursprungspunkt bestätigen?"
"Bestätigt. Interner Bruchcode ausgerichtet mit Archiv-Glyphe: Keth-Sigma."
"Anweisung anerkannt. Geistereinheit steht vor dem Einsatz. Geschätzte Einsatzbereitschaft: drei Stunden."
Er schloss das Gerät mit einem leisen Schnappen und steckte es in die innere Tasche seines Mantels.
Sein Gesicht veränderte sich nicht.
Aber der Raum fühlte sich enger an.
Die Assistentin schluckte einmal. "Sie rufen die Geisterabteilung?"
Er nickte leicht. "Nur eine Gruppe weiß, wie man so etwas verfolgt, ohne es zu stören."
Sie zögerte. "Und wenn es bemerkt?"